Vom ungeniessbaren Sandwich zum Flugverbot

Aus gegebenem Anlass (Flug mit einer grossen-deutschen-Luftfahrtsgesellschaft zurück von der Frankfurter Buchmesse) möchte ich es nicht versäumen, mein kulinarisches Beileid auszudrücken. Und zwar der – zugegebenermassen noch sehr jungen – Flugbegleiterin, die bei der ‚Essensausgabe‘ während des Flugs, auf meine Frage, ob sie denn die angebotenen Sandwiches dieser grossen-deutschen-Luftfahrtsgesellschaft überhaupt schon einmal selbst probiert hätte, antwortete: „Natürlich, sehr oft sogar. Ich ernähr‘ mich davon!“
Das ist natürlich ein trauriges Bekenntnis, denn was diese grosse-deutsche-Luftfahrtsgesellschaft hier als Sandwich tituliert, geht eigentlich höchstens als Haushaltsschwamm zum Abwischen des Esstisches durch – dashalb war das oben genannte Dämchen wahrscheinlich auch so dürr, denn nach dem ersten Bissen stellt sich unweigerlich Brechreiz ein (was ja von manchen ‚Fashion Victims‘ sogar gesucht wird).

Liebe grosse-deutsche-Luftfahrtsgesellschaft: entweder ihr verlangt 5 Euro mehr pro Ticket und bietet Snacks an, die den Ausdruck ‚Genussmittel‘ rechtfertigen oder ihr verlangt 5 Euro weniger und verzichtet – wie die Low-Cost-Anbieter – darauf, den Gaumen eures Kunden zu beleidigen.

Ganz abgesehen davon, dass es beim kollektiven Aufreissen der Plastik-Sandwichumhüllung im Flugzeug plötzlich riecht, als hätte jemand die Toilettentüre offengelassen, ist mir persönlich kein einziger Fall bekannt, wo ein Passagier während der überschaubaren Dauer eines innereuropäischen Fluges an Hunger verstorben ist.

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Nach gründlichem Grummeln und Grübeln, kommt mir wieder das Gedankenmodell in den Sinn, ob man innereuropäische Flüge nicht sowieso abschaffen sollte. Die heutigen Hochgeschwindigkeitszüge könnten bei schlauer Organisation (und daraus resultierender Pünktlichkeit) eine durchaus konkurrenzfähige Alternative bieten, vor allem, wenn man die durch drastisch reduzierten Flugverkehr freigewordenen Mittel in den Ausbau der Bahn steckt. Ich verlange ja keine japanischen Verhältnisse, bei denen bei manchen Zügen eine Abfahrtszeitgenauigkeit von lediglich maximal +/- fünf Sekunden (kein Schreibfehler!) und bei der Anhalteposition +/- ein Zentimeter (kein Schreibfehler!) toleriert werden. Mit einer Pünktlichkeitstoleranz von unter drei Minuten, wie bei der schweizerischen Bahn, könnte ich prima leben, denn die kriegt man selbst im so heissgeliebten privaten PKW nicht hin.

Mein Flug Marseille – Frankfurt und zurück hat inklusiv Steuern, Start- und Landegebühren nicht mal 250 Euro gekostet. Da kann die Bahn heutzutage nicht mithalten: da hätte es fast das Doppelte gekostet.
Zwar gibt es in Europa theoretisch eine Kerosinsteuer, die wird aber – ausser in den Niederlanden – nicht angewandt. Das heisst: seit dem Chicagoer Abkommen vom 7. Dezember 1944 (ja 1944 – kein Schreibfehler!) ist Fliegen durch Steuerfreiheit subventioniert. Man will damit in der heutigen Nachkriegszeit die Luftfahrt, den Wiederaufbau und die Wirtschaft im Allgemeinen fördern. Spitzfindige Kritiker könnten hier anmerken, dass die nun mittlerweile siebzig Jahre andauernde Nachkriegszeit vielleicht langsam für ausreichend und somit beendet erklärt werden sollte.

Die heutigen, modernen Flugzeuge scheiden trotzdem noch rund zweieinhalb Tonnen CO² / 100 km aus – auf Flughöhe.
Über Steigflug (ca. das Dreifache) oder gar Startphase (ca. das Zwanzigfache) sollte man lieber erst gar nicht nachdenken.

Selbst bei einem eventuellen Umweg über Paris dauert die Bahnfahrt Aix-Frankfurt dank Hochgeschwindigkeit trotzdem nicht einmal acht Stunden.
Beim Fliegen hingegen vergingen zwischen Frankfurt Hauptbahnhof (wo man auf dem Weg zum Flughafen umsteigt) und dem TGV-Bahnhof von Aix (der näher an der Stadt liegt, als der Flughafen) aber immerhin auch rund fünf Stunden: Warten am Hauptbahnhof FRA auf die passende S-Bahn, Fahrt zum Flughafen, einchecken, Sicherheitskontrolle mit Anfassen, gefühlte fünf Kilometer Fussmarsch zwischen Security und Boarding-Gate, Warten bis zum endgültigen Besteigen des Flugzeugs, wieder Warten und endlich Rollen zur Startposition („Rollen wir jetzt durch bis Marseille, oder warum dauert das so lange?“), Flug auf engen, spärlich gepolsterten Sitzen, dann in Marseille wieder minutenlanges Laufen bis zum Flughafenausgang und anschliessend weiter bis zum Parkplatz am Horizont.
Ganz ehrlich? Hätte die Bahn einen Nachtzug (ohne Umsteigen) im Programm, ich hätte gern noch in Frankfurt mit Kollegen gemütlich zu Abend gegessen, mich dann im Schlafwagen des Nachtzugs schlafen gelegt und wäre am nächsten Morgen stressfrei in Aix von Bord gegangen. Hört sich komisch an, habe ich aber in der Jugend öfters für die Fahrt nach Südfrankreich praktiziert (Nachtzug München – Barcelona; mittlerweile natürlich wegen der fliegenden Konkurrenz dem Rotstift zum Opfer gefallen).

Solche Reisen stellen bei mir die – familiär bedingte – Ausnahme dar. In der Regel würde ich bei einem solch höheren zeitlichen Reiseaufwand auch gleich mehr Zeit vor Ort einplanen. Geht es hingegen nur um ein Treffen oder eine Besprechung – liebe ach so wichtigen Manager: schon mal was von Videokonferenz gehört? Aber sich vor die Webcam zu setzen ist natürlich nicht so cool, wie mal eben für ein 30-Minuten-Gespräch quer durch die Republik zu fliegen – gerne auch täglich: supercool & megawichtig!